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Hochseetörn Etappe1
Durch ein lang ersehntes Hoch über England sollten wir für die nächsten Tage vor allem für die Biskaya mit östlichen Winden zu rechnen haben. Nun gesellt sich aber zu dem Hoch ein aus Marokko(!) kommendes Tief, das uns genau entgegenkommt. Während wir also bei zunehmendem Ostwind dem Kanalausgang zustreben, beobachten wir gespannt die Entwicklung. Hierzu stehen uns täglich je zwei Wetterberichte von Metéo-France und vom britischen Metoffice über Navtex sowie Wetterbericht und -karten vom Deutschen Wetterdienst (DWD) über Kurzwellendecoder zur Verfügung. Als wir noch 100 sm vor Ushant und damit der Grenze zwischen Kanal und Biskaya sind, hat sich das Tief zum Orkantief entwickelt und zieht an der portugiesischen Küste nordwärts, um dann in die Biskaya einzubiegen. Zusätzlich kommen jetzt fast stündlich neue Sturmwarnungen über UKW und Navtex. Unseren schönen Plan unter Spi über die Biskaya zu fliegen, müssen wir wohl begraben. Windstärke 10 aus Süd und Südwest heißt automatisch: Einlaufen und abwarten. Für uns heißt das frühestens Montagabend wieder herauszugehen, dann vielleicht noch einen Tag mit günstigem Nordwest bevor sich unser Spezialwind aus Südwesten wieder einstellen würde. Wenn man hingegen mit dem Ostwind erst einmal weit genug nach Westen, bis auf die Rückseite des Tiefs und dann nach Süden...? Also wird unser Kartenhaus zur Wetterküche. Akribisch vergleichen wir die drei verschiedenen Wetterberichte, insbesondere im Hinblick auf die Zugbahn des Orkans. Sie liegen alle recht dicht beisammen, die Deutschen rechnen etwas weiter westlich, dafür aber den Wind nicht ganz so stark wie Briten und Franzosen. Es ergibt sich auf unserer Karte eine Kurslinie, die vom Kanalausgang weit nach Westen und dann allmählich südlicher schwenkend bis sie auf den Längengrad von Cap Finisterre gänzlich nach Süden verläuft. Unsere Geschwindigkeit ist dabei gut zu kalkulieren, denn wir haben auf der entscheidenden Strecke mit achterlichen Winden von etwa 8 höchstens 9 Windstärken zu rechnen. Wobei wir erfahrungsgemäß problemlos mit gut 200 sm pro Tag rechnen können. Um nichts unversucht zu lassen, rufe ich beim DWD in Hamburg an. Der Meterologe vom Dienst - selbst früher als Kapitän zur See gefahren - schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und rät uns dringend einen Hafen anzulaufen. Nachdem ich ihm unseren Plan erläutert habe, besprechen wir das auf unserer Route zu erwartende Wetter und vor allen Dingen gibt er uns nochmals alle Informationen über die zu erwartende Zugbahn und deren Berechenbarkeit. Natürlich aber, sei ein Orkantief keine Straßenbahn. Wir halten Schiffsrat, während dem ich der Crew die Lage, unsere Möglichkeiten mit den jeweiligen Konsequenzen erkläre und jeder seine Meinung äußern kann. Alle sind für segeln. Nicht ohne Stolz über das in unser Schiff gelegte Vertrauen, entscheide ich weiterzufahren. Routiniert machen wir das Schiff sturmklar. Das Dinghi und der Großbaum bekommen Extralaschings, der vordere Niedergang und das Oberlicht werden mit Persenningen verschalkt. Unter Deck werden alle Gläser und Flaschen aus den Regalen genommen und in Laken gewickelt verstaut. Die ganz kleinen Sturmsegel werden angeschlagen, während wir bei 6 - 7 Windstärken nur unter dem ausgebaumten großen Klüver mit schönen 8 kn gen Westen laufen. Die Freiwache schläft inzwischen selig und auch ich gehe mit den Gedanken an eine, wenn auch harte, so doch zügige Biskayaüberquerung zur Koje. Aber da ist dieses komische Bauchgefühl, dass mich keine Ruhe finden lässt. In wenigen Stunden lassen wir das letzte Land, den letzten Hafen bei ablandigem Starkwind fast unwiederbringlich hinter uns. Ich höre Stimmen wie: "Bei Orkanwarnung in die Biskaya auslaufen, die müssen ja von allen guten Geistern verlassen sein, unverantwortlich..., was für eine Seemannschaft soll das sein...?" So finde ich mich kurz darauf am Kartentisch wieder und gehe alles noch einmal durch. Wetterbericht, Geschwindigkeiten von Tief und Schiff, zu erwartende Abstände vom Kern usw. Robin kommt herunter, um seinen Logbucheintrag zu machen: Ost 7 mit Böen bis 50 kn. Wir laufen bei gröber werdender See gute 8 - 9 kn, das Barometer fällt langsam. Wir berechnen nochmals den ungünstigsten Fall: Wenn das Tief nicht nach Nordost sondern nach Norden zieht, kommen wir trotzdem vorbei, falls es sogar nordwestlich zieht, müssten wir wohl 1 - 2 Tage beidrehen, um den Südost-Quadranten abzuwettern und später auf Backbord-Bug mit kleinen Segeln nach Südost vom Kern weg zu laufen. Recht unwahrscheinlich, aber als kalkulierbare Notlösung zu akzeptieren. So gewinnt die Entscheidung nach Fakten, Erfahrungen mit Schiff und Crew, Oberhand über Zweifel aus dem Bauch. Am Sonnabend wird es in den frühen Morgenstunden immer härter. Gute 10 kn laufen wir durchschnittlich in den Böen, die inzwischen 60 kn erreichen. Es regnet und gewittert. Wir lassen den Gedanken fallen, mit dem Vorsegelwechsel bis zum Hellwerden zu warten. Am Ruder bietet sich mir ein unwirkliches Bild. Im fahlen Licht der Decksbeleuchtung sind die vier Mann auf dem Vorschiff durch den waagerecht peitschenden Regen nur unscharf zu erkennen. Rundherum ist pechschwarze Nacht. Wenn es blitzt, ist alles anders herum: Wir sind der dunkle Fleck im grellgrauen Toben. Genau wie im Nis Randers so treffend beschrieben: "Krachen und Heulen und berstende Nacht, Dunkel und Flammen in rasender Jagd..." Das Manöver ist gelungen, Baum und Klüver heil an Deck, alles verzurrt und die Mannschaft sitzt wieder im Cockpit, das immer kurz erleuchtet wird, wenn sich der Schein der Hecklaterne in einer hoch brechenden Welle reflektiert, bevor sie donnernd wieder zusammenfällt. Kleinere Segel zu setzen, sparen wir uns bis auf weiteres. Wir laufen unter blanken Masten 6 - 7 kn. Während des - wenn auch akrobatisch so doch ausgiebigen Frühstücks - vergleichen wir die neuesten Wettermeldungen mit den Vorhersagen vom Vortag. Mit Genugtuung stellen wir fest, dass bis jetzt alles wie erwartet verläuft. An diesem Vormittag erleben wir das Maximum des Sturms, obwohl das Barometer noch weiter fallen wird, werden wir aber aus dem Bereich der Isobarenpressungen durch das nordöstlich gelegene Hoch herauskommen. Bei Helligkeit blickt man vom Ruder aus durch ein leeres Rigg in die tobende See. Gelegentlich tobt diese auch an Deck und man sitzt bis zum Hals im Wasser. Da durch den Südsturm in der inneren Biskaya eine gewaltige Dünung von Backbord einkommt, gibt es gelegentlich Kreuzseen, die uns kräftig durchschütteln. So wird beim an Deck gehen immer erst die Lifeline aus dem Luk gereicht, von der Wache eingepickt und erst dann nach oben ausgestiegen, da die Steckschotten geschlossen bleiben müssen. Gegen Nachmittag setzen wir den Sturmklüver ausgebaumt an Backbord und können noch vor Dunkelheit den großen Klüver an Steuerbord dazu setzen. Erwartungsgemäß beginnt der Wind leicht links zu drehen, was in Übereinstimmung mit den Wetterinformationen darauf schließen lässt, dass wir die Länge des Tiefkerns überschritten haben. So fangen wir an, mit einem Kurs von 260° leicht Süd zu machen. Über Nacht dreht der Wind weiter und wir mit ihm, während wir ab den frühen Morgenstunden den Sonntag damit verbringen, langsam immer mehr Segel zu setzen. Mittags erreichen wir den Längengrad von Cap Finisterre, während das Tief in der inneren Biskaya wütet. Über Navtex kommt ein Notruf eines Frachters, der seine Decksladung verloren hat und vor La Coruna treibt eine Segelyacht. Wir aber können den Sonntagnachmittagskaffee bereits wieder im Cockpit servieren, laufen unter vollen Segeln bei kräftigem Wind gen Süden.
Als wir am Montagnachmittag Cap Finisterre passieren, liegt das Orkantief sich auffüllend über der Bretagne und die Biskaya mitsamt dem kommenden europäischen Winter hinter uns. weitere Informationen zur Segelyacht Peter von Seestermühe ... |
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